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Als mich Herr Aretz im Frühsommer mit der Anfrage zur Pflegeherz-Verleihung überrascht hat, habe ich mich an das zwei Jahre zurückliegende Jahr der Barmherzigkeit erinnert und an das, was in beiden Worten zentral mitschwingt: das Herz! jene Herzlichkeit, die dem Gutsein und der Sorge den eigentlichen und wesenhaften Glanz verleiht.

Liebe Pflegeherz-Ausgezeichnete, Verehrte Anwesende

Als mich Herr Aretz im Frühsommer mit der Anfrage zur Pflegeherz-Verleihung überrascht hat, habe ich mich an das zwei Jahre zurückliegende Jahr der Barmherzigkeit   erinnert und  an das, was in beiden Worten zentral mitschwingt: das Herz!  jene Herzlichkeit, die dem Gutsein und der Sorge den eigentlichen und wesenhaften Glanz verleiht.

Ich denke an die biblischen Wurzeln, die uns allen vertraut sind. Jesus hat in vielen Gleichnissen davon gesprochen, hat sich selbst immer wieder der hilfsbedürftigen und kranken Menschen angenommen. Er hat uns vorgelebt, was Barmherzigkeit bedeutet, was es heisst für den Armen und Bedürftigen ein Herz zu haben ein Pflegeherz gleichsam. Denn

 

es gibt nicht die Barmherzigkeit, sondern nur die je persönliche und individuell gelebte Barmherzigkeit

 

Diese im Alltag gelebte Barmherzigkeit macht keine Schlagzeilen. Auch ein nach aussen hin völlig alltäglicher Akt gelebter Nächstenliebe ist Ausdruck dessen, was Jesus meint, wenn er in der Bergpredigt die Barmherzigen seligpreist. Nicht von einer kirchlichen Selig- oder Heiligsprechung ist hier die Rede, sondern von jenen verborgenen, nicht vergoldeten Altären der gelebten, alltäglichen Nächstenliebe, die jeder und jede von uns in seiner je eigenen Alltags-Wirklichkeit zu leben hat. Grösser wird der Auftrag dort, wo komplexe Betreuungs-Situationen fast lebensbestimmend werden, Ein Dienst, der nur mit einem liebenden, von der Barmherzigkeit Gottes.

 getragenen Herzen geleitstet werden kann,

 

Das Denken und Handeln mit dem Herzen, das ist es, was wir heute würdigen.

 

Was auch heisst: der Anfang des Guten hat seine Wurzel im Herzen. So gesehen ist das Herzdenken die Brücke zum Mitmenschen.

Das Herzdenken ist gleichsam ein schauendes Denken, ein Lauschen auf das was uns die innere Stimme eingibt die uns den Weg des Handelns weist. Dies ist die Brücke, die uns zum Nächsten führt und die uns öffnet für die Würde dessen, der unsere Hilfe braucht.

Müsste ich in einem Satz zusammenfassen, was ich unter Menschenwürde verstehe, würde ich es auf diesen einfachen Nenner bringen:

 

Menschenwürde geschieht dort und dann

wenn ich dem Menschen Mensch bin.

 

So betrachtet dient das Pflegeherz in allem Tun und Handeln der Achtung der Würde des Menschen.

Ich lade Sie ein, zum Abschluss dieser ganz besonderen Feier, mit mir über diesen Herzenswert – die Würde des Menschen - etwas vertiefter nachzudenken.

Wir können davon ausgehen, dass wir alle, die wir hier sind, uns unserer Würde bewusst sind. Wie aber ist es mit den Hilflosen, den geistig oder körperlich Behinderten? Diese Menschen brauchen, um sich ihrer Würde bewusst sein zu können, die Zusage der Mitmenschen, sie brauchen meine/unsere und sie brauchen Ihre Zusage:

Dieses: „Ich meine dich, ich bin für dich da, ich nehme dich wahr und respektiere dich in deinem Sosein, wie auch in deinen Sorgen und Nöten“.

 

Erlauben Sie mir ein Erinnerungsbild aus meiner Kindheit, das ich in meiner Biografie wie folgt zusammengefasst habe:

Ich lief, acht- oder neunjährig –auf dem Heimweg durchs Feld. Plötzlich lag vor mir ein Fahrrad und daneben am Strassenrand ein Mann. Ich blieb stehen. Der Mann war betrunken und lallte – unterbrochen von lautem Schluchzen – die Worte: „Ich bin der letzte Dreck“. Zutiefst erschüttert kniete ich neben dem Mann nieder. Nein – sagte ich, nein, Sie sind nicht der letzte Dreck. Sie können aufstehen und heimgehen, ich werde Ihnen helfen. Und so stützte ich nicht nur den Mann, sondern habe ihm auch geholfen, das Fahrrad zu schieben.

 

Wieso ich das getan habe, woher ich die Kraft gehabt habe, entzieht sich meiner Erinnerung. Möglicherweise hatte es damit zu tun, dass ich am Abend unter der Bett-Decke oft und heimlich mit der Taschenlampe gelesen habe. Dabei liess ich mich vor allem vom heiligen Franziskus beeindrucken, von dem eine Legende erzählt, dass er einen Leprakranken, aufhob, ihn wusch und küsste und ihm dadurch, die ihm innewohnende Würde zukommen liess.

Trudi v. Fellenberg-Bitzi: Liliane Juchli, ein Leben für die Pflege),

 

Menschen die in Ihrer Abhängigkeit, sei es infolge Krankheit oder Behinderung oftmals nicht selber sagen können, was sie brauchen, was sie möchten, benötigen ein offenes Ohr, einfühlsames Mitgehen und einen Ort wo sie sich sicher und angenommen fühlen. Über jeder Begegnung, insbesondere in der Betreuungs- oder Pflege-

Situationen müssten deshalb die Worte stehen:

Das Da sein für diesen Menschen ist Sinn und

Mittelpunkt unseres Tuns

Ich denke an unsere Gründerin Mutter Maria Theresia, die ihr Leben im Geist der Barmherzigkeit ganz in den Dienst an den Bedürftigen gestellt hat. Sie hat dies in einem einfachen Kernsatz ausgedrückt:

das Gramm Gold im Mitmenschen entdecken

Das Gramm Golddie Würde des Menschenentdecken, auch oder gerade dort wo äusserlich nichts darauf hinweist. Ich denke an Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, der in einer seiner Thesen unmissverständlich betont:

Der Mensch ist und bleibt ein Würdewesen

bis zuletzt.

 

Dem Hilfsbedürftigen die Würde erhalten oder zurückgeben, das Gramm Gold entdecken, das hat etwas mit Vertrauen zu tun, Vertrauen, das wir den Menschen schenken und welches sie zu uns entwickeln können, wenn sie spüren, dass wir sie begleiten auf ihrem Weg. Ein Weg, der vielleicht nicht immer unseren Vorstellungen entspricht, der aber nichts desto trotz genau dorthin führt, wo auch für diese Menschen die eigentliche Zielrichtung liegt; jenes letzte Ziel, dem nach Gottes unerforschlichem Plan auch ihr Leben dient, auch wenn dies oft nur schwer zu verstehen ist.

 

Auch diese Menschen sind, wie wir, königlichen Geschlechts, sie sind in diese Welt gekommen (wie Jesus es ausdrückt) den Schatz zu finden, der in eben diesem Ackerfeld das vielleicht Abhängigkeit, Hilflosigkeit oder Gebrechlichkeit heisst, gefunden und ausgegraben werden kann, - wenn sie unsere achtsame und respektvolle Hilfe dabei erfahren dürfen.

:

Dem Menschen Menschsein  - ein grosses Herz für andere haben – das ist es!  Und doch, etwas fehlt mir, daran möchte ich uns alle erinnern – vergessen wir nicht die Sorge für uns selbst. Auch dafür steht das Pflegeherz. Dazu möchte ich abschliessend aus einem Brief lesen, den Bernhard von Clairvaux an den neu gewählten Papst Eugen der III. geschrieben hat:

Wenn du ganz und gar für andere da sein willst, du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lobe ich dich nicht… Auch du bist ein Mensch. Damit dein Menschsein allumfassend sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht, tue das immer, aber ich sage, tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selber da, oder jedenfalls sei es nach allen andern. Zitatende

Ein mir unbekannter Dichter hat für dieses aufmerksame Herzdenken, das auf sich und den andern hören kann, treffende Worte gefunden:

        

So kann ich dich lieben, ohne dich einzuengen,

dich wertschätzen, ohne dich zu bewerten.

Dich ernst nehmen, ohne dich festzulegen…..

Mich um dich kümmern, ohne dich verändern zu wollen -  mich an dir freuen, so wie du bist.

 

Dass Sie dies immer wieder in grosser Treue und Hingabe tun, dafür danke ich Ihnen.  Denn «es gibt nichts Gutes, ausser man tut es» , schrieb schon  Erich Kästner. Meine Anerkennung und mein Dank kommen von Herzen, gleichsam von Pflegeherz zu Pflegeherz.

Zürich / Ingenbohl , November 2018, Sr. Liliane Juchli